Vielleicht hast du gehört, dass Narziss verflucht wurde – ein zentrales Element der griechischen Mythologie. Die Göttin Nemesis bestrafte ihn, weil er alle, die ihn liebten, grausam behandelte. Seine Schönheit brachte die Menschen dazu, ihn zu bewundern, aber sein kaltes Herz stieß sie alle weg. Die Geschichte vom Fluch des Narziss ist eine der ältesten und wirkungsvollsten Geschichten der griechischen Sagenwelt.
Als ich diese Geschichte zum ersten Mal in einem Uni-Kurs las, wirkten die Worte auf dem Papier nüchtern. Dann zeigte uns unser Dozent den Druck eines berühmten Gemäldes. Es zeigte Narziss über dunkles Wasser gebeugt, versunken in sein eigenes Spiegelbild. Dieses Bild blieb mir jahrelang im Kopf. Meiner Erfahrung nach spürst du diesen Mythos erst richtig, wenn du ihn durch Kunst erlebst. Dann begreifst du, wie tief seine Falle war.
Der Mythos von Echo und Narziss beginnt mit einer Nymphe namens Echo. Sie verliebte sich unsterblich in den schönen Jüngling. Doch Echo hatte ihren eigenen Fluch zu tragen. Die Göttin Hera hatte ihr die Fähigkeit zu freier Rede genommen. Echo konnte nur die letzten Worte wiederholen, die man zu ihr sagte. Als sie versuchte, Narziss ihre Gefühle mitzuteilen, konnte sie nur seine eigenen Worte zurückwerfen.
Narziss wies Echo mit kalten, gemeinen Worten zurück. Sie floh in die Berge und versteckte sich in Höhlen, zu gebrochen, um sich der Welt zu stellen. Sie hörte auf zu essen. Ihr Körper schwand dahin, bis nichts mehr übrig war als ihre Stimme. Du kannst Echo noch heute „hören", wenn dein Ruf von einer Felswand zurückhallt. So erklärten die Griechen, woher Echos kommen.
Der Fluch der Nemesis über Narziss kam als direkte Vergeltung. Nemesis war die Göttin der gerechten Strafe. Sie hörte die Klagen aller, die Narziss verletzt hatte. Sie führte ihn zu einem klaren, stillen Teich tief im Wald. Als er sich hinunterbeugte, um zu trinken, sah er sein eigenes Gesicht im Wasser. Er verliebte sich auf der Stelle in dieses Spiegelbild und konnte sich nicht mehr davon losreißen.
Er flehte das Gesicht im Wasser an, zu ihm zu kommen. Er weinte darüber. Er aß und schlief nicht mehr. Tag für Tag lag er dort und siechte dahin, genau wie Echo vor ihm. Du siehst, warum die Griechen diese Geschichte liebten. Dieselbe Schönheit, die ihm Macht über andere gab, wurde zur Waffe, die ihn zu Fall brachte. Sein eigenes Gesicht wurde zu seinem Gefängnis.
Wo Narziss an jenem Teich starb, wuchs nach Überlieferung der Griechen eine neue Blume aus der Erde. Sie hatte eine goldene Trompete mit weißen Blütenblättern am Rand. Ihr Stängel bog sich, sodass die Blüte nach unten zeigte, als schaue sie noch immer ins Wasser hinab. Wenn du eine Narzisse in deinem Garten ihren Kopf neigen siehst, erblickst du die letzte Pose des verfluchten Jünglings Narziss – erstarrt in Blütenform.
Der Dichter Ovid schrieb diese Geschichte um 8 n. Chr. in einem Buch nieder, das du vielleicht aus dem Literaturunterricht kennst. Sigmund Freud nutzte die Geschichte später, um Anfang des 20. Jahrhunderts den Begriff „Narzissmus" zu prägen. Du benutzt dieses Wort jedes Mal, wenn du über jemanden sprichst, der zu sehr in sein eigenes Bild vertieft ist. Ein Mythos über einen griechischen Jüngling beeinflusst noch heute, wie du und deine Freunde über Menschen reden. Diese Art von Beständigkeit ist selten für eine Geschichte – erst recht für eine über eine Blume in deinem Garten.
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